Christoph Engemann

In Gesellschaft der Graphen

Am heutigen Ostersonntag findet sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Beitrag von OWNW Mitglied Christoph Engemann zu Corona-Tracing Apps und sozialen Graphen. Der Artikel baut auf dem Vortrag “Graphs & Sovereignty” im 2. Otherwise Salon auf dem UN Internet Governance Forum 2019 auf. Mehr zum Hintergrund von Graphen und Graphennahmen gibt es im dortigen Videomitschnitt.

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Ausblick 2020 – Christoph Engemann

Was sind die Debatten im Jahr 2020? Eines steht fest: es wird auch geopolitisch ereignisreich. Christoph Engemann erklärt warum.


Neue Dekade, neues Glück, oder Unglück. Die 20iger beginnen erst richtig 2021 wenn fest steht, wer der amerikanische Präsident für die erste Hälfte dieser Dekade sein wird. Dennoch wo von 2020 die Rede ist, ist zugleich die Rede von den 20igern. Im folgenden werden daher drei Linien angesprochen, die meines Erachtens bereits sichtbar sind und die für die neue Dekade wichtig sein dürften.

  1. Diskursive (Geo)politics & technische Souveränitätsnarrative

Die ausgegangene Dekade hat eine enorme Politisierung und Geopolitisierung nicht nur digitaler Medien auf allen Ebenen über Hardware, Software, Infrastrukturen bis hin zu Inhalten und Metadaten gezeitigt, sondern auch erfahrbar gemacht, dass faktisch jede diskursive Formation politisiert werden kann und häufig längst schon wurde. 

Sämtliche Formen der Beobachtung, Prämissenbildung, Theoretisierung und Narrantivierung können als implizit oder explizit politisch durchkreuzt, markiert und skandalisiert werden. Mit solchen Zuschreibungen von epistemischen Tribalismus, bzw. bewusster oder unbewusster Lageraffinität werden Wissenschaft, Politik, Medien und Zivilgesellschaft permanent umgehen müssen. Eine Sensibilisierung für diese manchmal subtilen Formen der politischen Schwungmassengenese halte ich für eine zentrale Herausforderung der Dekade. 

Insbesondere für digitale Technologien erwarte ich vor diesem Hintergrund eine Intensivierung der Debatten um Hard- & Softwaresouveränität und Infrastrukturen, in deren Zuge in Europa enorme Geldmengen mobilisiert werden. Das Deutsch-Französische Future Combat Air System (FCAS) zeigt hier bereits erste Tendenzen an: man möchte eine fliegende Cloud bauen. Darüber hinaus werden im HPC und Embedded Bereich domestische RISC-V und ARM Initiativen eine Rolle Spielen. Für kritische Infrastrukturen erwarte, bzw. wünsche ich mir eine Debatte um Möglichkeiten und Grenzen formal verifizierter Software.

2. Europa Nuklear: die Bombe ist digital

Eine weitere wichtige geopolitische Entwicklung mit erheblichen Folgen für die Digitalpolitik ist der Zerfall der bislang existierenden atomaren Abschreckungsformationen. Während diesbezüglich derzeit Hyperschallwaffen im Fokus der Debatten stehen, gerät außer Blick, dass die aus dem kalten Krieg stammende nukleare Pose Europas durch zwei weitere Entwicklungen zu einer Neuaushandlung forciert wird. Erstens: dem Mißtrauen gegenüber den USA, zweitens: den Modernisierungsnotwendigkeiten der bestehenden Arsenale.

Der erste Punkt muss nicht weiter erläutert werden und auch die unwahrscheinliche Abwahl Trumps würde daran nichts ändern. Der zweite Punkt bezieht sich u.a. auf das seit 1996 bestehende Comprehensive Test Ban Treaty (CTBT), d.h. dem Aussetzen von Nuklearwaffentests. Die existierenden nuklearen Arsenale der großen Atommächte bestehen aus Designs der 70iger und 80iger Jahre, für die im Zuge des CTBT Garantien von 25 Jahren ausgesprochen wurden. 

Diese 25 Jahre sind 2021 um und während die USA bereits unter Obama eine umfangreiche und milliardenschwere Modernisierung der Arsenale begonnen haben, ist fraglich ob und wie insbesondere von anderen Ländern wie Russland, China oder Indien die Funktionsfähigkeit von redesignten oder neuen Waffen garantiert werden können. 

Zudem gehört zum nuklearen Abschreckungstheater die “demonstration of capability” – nur wer erfolgreiche Tests vorweisen kann, ist abschreckungsfähig. Entsprechend erwarte ich relativ früh in dieser Dekade die Wiederaufnahme von Atomtest seitens mindestens eines der ursprünglichen Vertragspartner, ggf. durch die USA unter Trump im Wahlkampf.

Für die hiesige Debatte ist jedoch folgender Punkt relevanter: die Bombe ist digital. Ohne Computer und Computersimulationen hätte es keine Atombomben gegeben. Für die Konstruktion und die virtuelle Testung in der Entwicklung sind Computerkapazitäten und Simulationsknow-how unter Kontrolle des entwickelnden Landes notwendig. 

Sollte Europa – und damit zwingend auch Deutschland – eine von den USA und Großbritannien unabhängige atomare Waffenkapazität anstreben, wird die Frage der IT-Komponenten dieser Waffensysteme zu einem zentralen Schauplatz der Debatten werden.

3. Terraforming & reverse Extractivism: scaling SCADA to the planet

Neben der Bombe ist der Klimawandel die zweite große geopolitische Kraft aus dem Computer. Ohne Klimasimulationen keine Klimapolitik und die ca. 90 in die Klimaberichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)  eingehenden Klimasimulationsmodelle werden von Teams aus Teils scharf miteinander konkurrierenden Ländern berechnet. Dennoch zeigen sie bei aller oben unter “diskursive Geopolitics” angesprochener Differenzen zwischen den Interessen und Narrativierungsstrategien von bspw. China, Deutschland und Saudi-Arabiens eine erstaunliche Konsistenz: es wird wärmer und damit volatiler auf diesem Planeten. 

Der öffentliche Diskurs um den Umgang mit dem Klimawandel ist auf die die CO2 Reduktion fixiert: erneuerbare und alternative Energien, Elektromobilität, Energieeffizienzsteigerungen, und Verbrauchsminimierungen etc. Das ist aber nur eine Hälfte der “Climate Migitation”, die andere Hälfte besteht aus technischen Maßnahmen der Verringerung von CO2 in der Atmosphäre. Die Durchführbarkeit dieser Projekte ist angesichts der notwendigen Skalendimensionen umstritten und fraglich. Technologien, die signifikante CO2 Reduktionen erlauben, übersteigen in Größe und Komplexität aus dem 19. und 20. Jahrhundert bekannte Infrastrukturprojekte wie kontinentale Eisenbahnnetze oder ähnliches bei weitem. 

Das kann als Risiko oder als Chance gelesen werden und für Technologiekonzerne eröffnen sich neuartige und langfristige Marktszenarien, die zugleich ähnlich wie die Ölförderung durch und durch geopolitisch formiert sind. Standards, räumliche und zeitliche Zuständigkeiten und Zugriffsmöglichkeiten dieses reverse extractivism werden Resultat politischer Entscheidungsprozesse und Koalitionen sein, deren Gestalt derzeit wenig abschätzbar sind. In diesen Prozessen spielen Computersimulationen eine entscheidende Rolle, darüber hinaus werden die Vernetzung, Akquisition und Kontrolle der beteiligten Instanzen ein wesentliches Problem und Geschäftsfeld darstellen: Terraforming is a SCADA-business. 

Auch hier erwarte ich, dass die großen Industriekonzerne Europas aktiv entsprechende Diskurse protegieren werden und eine intensive Debatte um diese dann wieder einmal als Geschäftsfelder der Zukunft markierten Projekte zu beobachten sein wird.

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